Wer als Shopify-Händler in der EU verkauft, stößt früher oder später auf den Begriff GPSR-Sicherheitsbescheinigung. Meist an einer unangenehmen Stelle: im GPSR-Datenfeld eines Marktplatzes, in einer Anfrage der Marktüberwachungsbehörde oder in einer E-Mail des chinesischen Lieferanten, der ein PDF mit unklarem Inhalt schickt und behauptet, das sei “die Sicherheitsbescheinigung”.
Dieser Artikel klärt, was der Begriff tatsächlich bedeutet, wie er sich von der Konformitätserklärung und der technischen Dokumentation unterscheidet, wann ein echtes Zertifikat gesetzlich Pflicht ist und wann eine selbst erstellte Erklärung reicht.
Was ist eine GPSR-Sicherheitsbescheinigung?
Eine GPSR-Sicherheitsbescheinigung ist kein einzelnes, EU-weit standardisiertes Dokument mit festgelegtem Format. Die Produktsicherheitsverordnung (Verordnung (EU) 2023/988), die seit dem 13. Dezember 2024 gilt, kennt diesen Begriff in dieser Wortform gar nicht. Den vollständigen Verordnungstext samt Kapitelstruktur findest du im GPSR-Verordnungstext-Hub. “Sicherheitsbescheinigung” hat sich in der Praxis als Sammelbegriff für den Nachweis etabliert, dass ein Produkt sicher ist und den geltenden EU-Anforderungen entspricht. Je nach Produkt kann dieser Nachweis ganz unterschiedlich aussehen: eine intern erstellte Risikobewertung, ein Prüfbericht eines Labors, ein Zertifikat einer notifizierten Stelle oder eine Kombination aus mehreren dieser Dokumente.
Der zweite, ebenfalls gebräuchliche Begriff “Sicherheitsnachweis” meint im Kern dasselbe: den Beleg, dass jemand die Sicherheit eines Produkts systematisch geprüft hat, bevor es auf den EU-Markt kommt. Beide Begriffe werden in Foren, auf Marktplätzen und in Lieferantenkommunikation synonym verwendet, ohne dass eine Behörde sie exakt definiert hat. Genau diese Unschärfe sorgt für Verwirrung, vor allem bei Händlern, die Ware aus Drittstaaten wie China beziehen und plötzlich ein Dokument vorlegen sollen, dessen Pflichtinhalt niemand klar benennt.
Wichtig für die Einordnung: Die GPSR selbst verlangt in Artikel 9 eine interne Risikoanalyse und technische Unterlagen als Mindestnachweis. Ein zusätzliches, extern ausgestelltes Zertifikat ist nur für bestimmte Produktkategorien gesetzlich vorgeschrieben, dazu mehr im Abschnitt zur Pflicht weiter unten.
Sicherheitsbescheinigung, Konformitätserklärung und technische Dokumentation im Vergleich
Der häufigste Fehler ist, die drei zentralen Compliance-Dokumente durcheinanderzubringen. Sie erfüllen unterschiedliche Zwecke und werden von unterschiedlichen Stellen ausgestellt.
Die Sicherheitsbescheinigung oder der Sicherheitsnachweis ist der Oberbegriff für den Beleg, dass ein Produkt sicher ist, egal ob selbst erstellt oder extern geprüft. Die Konformitätserklärung dagegen ist ein spezifisches, formal geregeltes Dokument: die schriftliche Selbsterklärung des Herstellers, dass ein Produkt einer bestimmten harmonisierten EU-Richtlinie entspricht, zum Beispiel der Maschinenrichtlinie oder der Niederspannungsrichtlinie. Sie ist nur für Produkte Pflicht, die unter eine dieser Richtlinien fallen, und trägt in der Regel das CE-Zeichen. Die technische Dokumentation ist wiederum die interne Aktensammlung dahinter: Risikoanalyse, Prüfprotokolle, Konstruktionsunterlagen und alle Nachweise, auf die sich die Konformitätserklärung stützt.
Die folgende Übersicht zeigt die drei Dokumente im direkten Vergleich.
| Dokument | Wer erstellt es | Wann Pflicht |
|---|---|---|
| Sicherheitsbescheinigung / Sicherheitsnachweis | Hersteller, Importeur oder externe Prüfstelle, je nach Produkt | Immer in irgendeiner Form nötig, Umfang variiert stark |
| CE-Konformitätserklärung | Hersteller (Selbsterklärung) | Nur für Produkte unter einer harmonisierten EU-Richtlinie |
| Technische Dokumentation | Hersteller oder Importeur (intern) | Immer Pflicht nach Art. 9 GPSR, unabhängig von CE-Pflicht |

Die Grafik fasst zusammen, welches Dokument welchen Zweck erfüllt und wie die drei ineinandergreifen. Für ein Produkt ohne CE-Pflicht, zum Beispiel einfache Haushaltswaren oder Möbel, entfällt die Konformitätserklärung komplett. Die technische Dokumentation mit interner Risikobewertung bleibt trotzdem Pflicht, und genau diese Risikobewertung ist in solchen Fällen der eigentliche Sicherheitsnachweis.
Wann ist eine Sicherheitsbescheinigung gesetzlich Pflicht?
Ein echtes, extern ausgestelltes Zertifikat einer notifizierten Stelle ist immer dann Pflicht, wenn ein Produkt unter eine harmonisierte EU-Richtlinie fällt, die eine Konformitätsbewertung durch Dritte vorschreibt. Das betrifft nicht alle CE-pflichtigen Produkte gleichermaßen, sondern nur Risikoklassen, bei denen der Gesetzgeber eine reine Selbsterklärung des Herstellers für nicht ausreichend hält.
Typische Beispiele aus dem Shopify-Alltag:
- Spielzeug mit erhöhtem Risiko: Bestimmte Kategorien nach der Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG verlangen eine EU-Baumusterprüfung durch eine notifizierte Stelle, etwa Spielzeug mit chemischen oder mechanischen Risiken für Kleinkinder.
- Persönliche Schutzausrüstung der Kategorie II und III: Von Gehörschutz bis Absturzsicherung, hier ist eine externe Prüfung nach der PSA-Verordnung 2016/425 zwingend.
- Elektrogeräte mit GS-Zeichen: Das GS-Zeichen selbst ist freiwillig, wird aber häufig von Marktplätzen oder B2B-Kunden verlangt und erfordert immer eine Prüfung durch eine akkreditierte Stelle.
- Bestimmte Medizinprodukte und Druckgeräte: Hier verlangt die jeweilige Verordnung durchgehend eine Bewertung durch eine benannte Stelle.
Die folgende Grafik zeigt den Entscheidungsweg in einem Blick: von der Produktkategorie bis zur Frage, ob ein externes Zertifikat oder eine Eigenerklärung reicht.

Alle vier Beispiele oben haben eines gemeinsam: Sie fallen zusätzlich unter die CE-Kennzeichnungspflicht. Wo ein CE-Zeichen mit vorgeschriebener Drittprüfung Pflicht ist, ist auch die Sicherheitsbescheinigung in Form eines echten externen Zertifikats Pflicht. Bei CE-pflichtigen Produkten ohne Drittprüfungspflicht reicht dagegen die Selbsterklärung des Herstellers.
Ob eine notifizierte Stelle tatsächlich zugelassen ist, lässt sich in der offiziellen NANDO-Datenbank der EU-Kommission prüfen. Jede notifizierte Stelle trägt eine vierstellige Kennnummer, die auf dem Zertifikat und meist auch neben dem CE-Zeichen abgedruckt ist.

Bekommst du von einem Lieferanten ein Zertifikat mit einer Kennnummer, die in der NANDO-Datenbank nicht auffindbar ist, ist das ein deutliches Warnsignal für ein gefälschtes oder ungültiges Dokument. Diese Prüfung dauert wenige Minuten und sollte vor jedem Import aus einem Drittstaat zur Routine werden.
Wann reicht eine selbst erstellte Erklärung?
Für die meisten Produkte im typischen Shopify-Sortiment, also Konsumgüter ohne harmonisierte EU-Richtlinie wie Haushaltswaren, Deko, Textilien ohne Sicherheitsrisiko oder einfaches Zubehör, reicht eine intern erstellte, dokumentierte Risikobewertung als Sicherheitsnachweis. Ein externes Zertifikat ist in diesen Fällen weder vorgeschrieben noch üblich.
Das ist der Standardfall nach GPSR: Der Hersteller oder Importeur bewertet selbst, welche Gefahren von einem Produkt ausgehen können, dokumentiert diese Bewertung und hält sie zehn Jahre lang bereit. Diese Selbsteinschätzung muss trotzdem nachvollziehbar und belastbar sein, sie ist keine reine Formsache.
Die Risikoanalyse deckt dabei typischerweise drei Kategorien ab: mechanische und physikalische Eigenschaften wie scharfe Kanten oder Erstickungsgefahr, die chemische Zusammensetzung, etwa toxische Stoffe, die in Kinderhände gelangen könnten, und die Gebrauchstauglichkeit, also ob Form oder Design zu einer unsachgemäßen Verwendung verleiten. Ein Risiko gilt als vertretbar, wenn das Produkt bei normaler oder vorhersehbarer Nutzung sicher bleibt und verbleibende Gefahren durch technische Schutzmaßnahmen oder klare Warnhinweise auf ein tolerierbares Mindestmaß reduziert wurden.
Eine vollständige Eigenerklärung als Sicherheitsnachweis sollte mindestens enthalten:
- eine Beschreibung des Produkts und seines Verwendungszwecks
- die identifizierten Risiken und warum sie als vertretbar eingestuft wurden
- Verweise auf angewandte Normen, falls vorhanden, auch wenn keine Zertifizierungspflicht besteht
- das Datum der Bewertung und die verantwortliche Person
Mehr zum vollständigen Mindestinhalt und zur Aufbewahrungspflicht: Technische Dokumentation & gerichtsfester Audit-Trail nach GPSR.
GPSR-Sicherheitsbescheinigung bei Amazon: die Praxis für Marktplatz-Verkäufer
Wer neben Shopify auch auf Amazon verkauft, kennt das Feld “Sicherheitsbescheinigung” aus dem GPSR-Datenblatt im Reiter “Sicherheit und Einhaltung von Regeln” in Seller Central. Amazon fragt dieses Feld für jedes Angebot ab und macht es genau dann verpflichtend, wenn die Produktkategorie eine externe Konformitätsbewertung erfordert, also in denselben Fällen, die im Abschnitt zur gesetzlichen Pflicht oben beschrieben sind.
Für die Praxis auf Amazon gilt (Stand 2026):
- Fällt dein Produkt unter keine der Kategorien mit Zertifizierungspflicht, lässt du das Feld leer oder markierst es als nicht zutreffend, je nach aktueller Amazon-Oberfläche. Ein häufiger Fehler ist, hier ein beliebiges Dokument hochzuladen, nur um das Feld irgendwie zu füllen.
- Fällt dein Produkt unter eine Zertifizierungspflicht, muss das hochgeladene Dokument tatsächlich von einer notifizierten Stelle stammen und die Kennnummer enthalten, sonst wird das Angebot bei einer Prüfung deaktiviert.
- Bei mehreren Angeboten mit identischen GPSR-Daten lässt sich die Sicherheitsbescheinigung meist zentral in der Angebotsübersicht für mehrere ASINs gleichzeitig hinterlegen, das spart Zeit gegenüber der Einzelpflege.
Diese Amazon-spezifische Logik ist nur ein Teilaspekt der gesamten GPSR-Pflichtangaben auf dem Marktplatz. Die vollständige Übersicht aller Amazon-Pflichtfelder findest du im Artikel GPSR auf Amazon: Pflichten für Händler.
Sicherheitsnachweis bei Produkten aus Drittstaaten (China): Checkliste für Shopify-Händler
Wer Produkte aus China oder einem anderen Drittstaat importiert und im eigenen Shopify-Store verkauft, übernimmt automatisch die Herstellerpflichten der GPSR, auch ohne selbst zu produzieren. Das bedeutet: Die Verantwortung für den Sicherheitsnachweis liegt beim Importeur, wenn keine offizielle EU-Vertretung des Herstellers existiert.
Vor dem ersten Import solltest du beim chinesischen Lieferanten aktiv folgende Unterlagen anfordern:
- Prüfberichte nach einschlägigen Normen, zum Beispiel EN-71 für Spielzeug oder EN 60335 für Elektrogeräte, ausgestellt von einem akkreditierten Labor
- Das Zertifikat einer notifizierten Stelle, falls die Produktkategorie eine externe Prüfung verlangt, inklusive Kennnummer zur Prüfung in der NANDO-Datenbank
- Materialsicherheitsdatenblätter, besonders bei Textilien, Kosmetik oder Produkten mit Kinderkontakt
- Eine schriftliche Bestätigung, dass der Lieferant für Nachfragen der Marktüberwachungsbehörde erreichbar bleibt
Diese Lieferantenunterlagen ersetzen nicht die eigene Risikobewertung. Sie sind wertvolles Belegmaterial, aber die rechtliche Verantwortung für den vollständigen Sicherheitsnachweis bleibt beim Importeur in der EU. Wichtig zusätzlich: Ohne EU-Niederlassung des Herstellers braucht es einen benannten EU-Bevollmächtigten, der als Ansprechpartner für Behörden fungiert und Zugriff auf die technischen Unterlagen hat.
So bekommst du deinen Sicherheitsnachweis: Schritt für Schritt
- Produktkategorie prüfen: Klär zuerst, ob dein Produkt unter eine harmonisierte EU-Richtlinie fällt, die eine externe Zertifizierung verlangt. Die Liste im Abschnitt zur gesetzlichen Pflicht oben ist ein guter erster Check.
- Fällt keine Zertifizierungspflicht an: Erstelle eine dokumentierte interne Risikobewertung als Sicherheitsnachweis und halte sie als Teil der technischen Dokumentation zehn Jahre bereit.
- Fällt eine Zertifizierungspflicht an: Beauftrage eine notifizierte Stelle direkt oder fordere beim Hersteller beziehungsweise Lieferanten ein gültiges Zertifikat mit Kennnummer an.
- Kennnummer verifizieren: Prüfe jede Kennnummer in der NANDO-Datenbank, bevor du das Dokument als gültigen Nachweis akzeptierst oder auf einem Marktplatz hochlädst.
- Marktplatz-Felder korrekt füllen: Trage den Nachweis nur dort ein, wo er tatsächlich gefordert ist, etwa im Amazon-GPSR-Datenblatt, und lass das Feld leer, wenn keine Pflicht besteht.
- Aktuell halten: Sobald sich Produkt, Material oder Fertigungsprozess ändern, muss auch der Sicherheitsnachweis aktualisiert werden. Ein statisches Dokument, das nie wieder angefasst wird, verliert im Ernstfall seinen Beweiswert.
Häufige Fehler bei der Sicherheitsbescheinigung
Ein x-beliebiges Lieferantendokument als Nachweis akzeptieren. Nicht jedes PDF mit Stempel und Unterschrift ist ein gültiges Zertifikat. Ohne prüfbare Kennnummer einer notifizierten Stelle ist ein Dokument im Zweifel wertlos.
Die Sicherheitsbescheinigung mit der Konformitätserklärung verwechseln. Beide Dokumente beantworten unterschiedliche Fragen. Die Konformitätserklärung ist eine Selbsterklärung zur Einhaltung einer bestimmten Richtlinie, der Sicherheitsnachweis ist der breitere Beleg für die allgemeine Produktsicherheit.
Ein Zertifikat einfordern, wo gar keine Pflicht besteht. Für die meisten GPSR-only-Produkte ist eine externe Zertifizierung unnötig und verursacht nur Kosten und Verzögerung ohne rechtlichen Mehrwert.
Die eigene Risikobewertung als Formsache behandeln. Auch eine Eigenerklärung muss inhaltlich nachvollziehbar sein. Copy-paste-Vorlagen ohne produktspezifische Anpassung halten einer Behördenprüfung nicht stand.
Häufige Fragen
Ist eine GPSR-Sicherheitsbescheinigung dasselbe wie ein CE-Zertifikat?
Nein. Ein CE-Zertifikat einer notifizierten Stelle ist eine spezielle Form des Sicherheitsnachweises für Produkte mit Zertifizierungspflicht. “Sicherheitsbescheinigung” ist der weitere Oberbegriff und kann je nach Produkt auch eine interne Risikobewertung ohne externe Prüfung sein.
Wer stellt eine Sicherheitsbescheinigung aus?
Je nach Produkt entweder der Hersteller selbst als interne Risikobewertung oder eine externe notifizierte Stelle beziehungsweise ein akkreditiertes Prüflabor. Welcher Weg gilt, hängt von der Produktkategorie ab, nicht von der freien Wahl des Verkäufers.
Muss ich für jedes Produkt in meinem Shopify-Shop eine Sicherheitsbescheinigung vorlegen?
In irgendeiner Form ja, denn jedes Produkt braucht mindestens eine dokumentierte Risikobewertung als Teil der technischen Unterlagen. Ein extern ausgestelltes Zertifikat ist dagegen nur für bestimmte Risikokategorien Pflicht.
Was passiert, wenn ich keine gültige Sicherheitsbescheinigung habe, obwohl eine Pflicht besteht?
Marktüberwachungsbehörden können den Verkauf des Produkts untersagen, Bußgelder verhängen und im Ernstfall einen Rückruf anordnen. Auf Marktplätzen wie Amazon führt ein fehlender oder ungültiger Nachweis zusätzlich zur sofortigen Deaktivierung des Angebots.
Wie lange muss ich einen Sicherheitsnachweis aufbewahren?
Zehn Jahre ab dem Zeitpunkt, an dem das Produkt erstmals auf dem EU-Markt bereitgestellt wurde. Das gilt sowohl für interne Risikobewertungen als auch für extern ausgestellte Zertifikate.
Reicht ein GS-Zeichen als Sicherheitsbescheinigung?
Ein GS-Zeichen ist ein starker Nachweis, weil es immer eine Prüfung durch eine akkreditierte Stelle voraussetzt. Es ist aber freiwillig und ersetzt nicht automatisch die verpflichtende technische Dokumentation nach GPSR, die zusätzlich weiterhin vorgehalten werden muss.