Seit dem 13. Dezember 2024 gilt die neue EU-Produktsicherheitsverordnung (GPSR, Verordnung (EU) 2023/988) verbindlich in allen Mitgliedstaaten. Elektrogeräte und Elektronik gehören zu den häufigsten Produktkategorien bei Shopify-Händlern, und sie stehen ganz besonders im Fokus der Marktüberwachungsbehörden. Der Grund: Defekte Kabel, fehlerhafte Ladegeräte und mangelhafte Isolierungen verursachen jährlich tausende Wohnungsbrände und Stromschlag-Unfälle in der EU. Allein 2023 betrafen mehr als 30 Prozent aller RAPEX-Meldungen (dem EU-Schnellwarnsystem) Elektro- und Elektronikprodukte. Dieser Artikel zeigt dir, welche konkreten Pflichten für Händler von Elektrogeräten gelten, wie CE-Kennzeichnung, LVD, EMV, RoHS, WEEE und ElektroG zusammenhängen, welche Dokumentation du vorhalten musst und warum ein EU-Verantwortlicher für viele Shopify-Händler Pflicht ist.
Was fällt unter “Elektrogeräte” nach der GPSR?
Der Begriff “Elektrogerät” ist breiter als viele Händler denken. Die GPSR definiert “Produkt” als jeden Gegenstand, der für Verbraucher bestimmt ist oder unter vernünftigerweise vorhersehbaren Bedingungen von Verbrauchern genutzt werden kann. Für Elektrogeräte bedeutet das: Sobald ein Produkt mit Strom betrieben wird oder Strom speichert, fällt es grundsätzlich in diesen Regelungsbereich.
Typische Produktkategorien im Shopify-Handel sind Haushaltsgeräte (Wasserkocher, Bügeleisen, Küchenmaschinen), Consumer Electronics wie Smartphones, Tablets, Bluetooth-Lautsprecher und Kopfhörer, LED-Streifen und andere Beleuchtungsprodukte, Ladegeräte und externe Akkus (Powerbanks), Smart-Home-Geräte (smarte Steckdosen, Thermostate, Kameras) sowie Wearables wie Smartwatches und Fitnesstracker.
Es gibt Ausnahmen, aber sie sind enger als viele annehmen. Medizinprodukte fallen unter die MDR (Verordnung (EU) 2017/745) und nicht primär unter die GPSR. Kraftfahrzeugzubehör, das speziell für den Einbau in Fahrzeuge bestimmt ist, unterliegt der Fahrzeugtypgenehmigungsverordnung. Lebensmittelkontaktmaterialien folgen der EU-Verordnung 1935/2004. Für alle diese Kategorien gilt die GPSR subsidiär, also nur dann, wenn die spezifische Gesetzgebung keine gleichwertigen Sicherheitsanforderungen enthält.
| Produktkategorie | Unter GPSR | Spezifische Richtlinie/Verordnung |
|---|---|---|
| Haushaltsgeräte (230V) | Ja | LVD 2014/35/EU, EMV 2014/30/EU |
| Smartphones, Tablets | Ja | RE-Richtlinie 2014/53/EU, RoHS |
| LED-Streifen, Leuchtmittel | Ja | LVD, EMV, Ökodesign-VO |
| Ladegeräte, Powerbanks | Ja | LVD, EMV, ab 2024 Common Charger VO |
| Smartwatches, Wearables | Ja | RE-Richtlinie, RoHS |
| Smart-Home (WLAN/Bluetooth) | Ja | RE-Richtlinie 2014/53/EU |
| Medizinprodukte (z.B. EKG-Uhren) | Subsidiär | MDR 2017/745 |
| Kfz-Einbaugeräte | Subsidiär | EU-Fahrzeugtypgenehmigung |
| Industriemaschinen | Subsidiär | Maschinenrichtlinie 2006/42/EG |
GPSR und das Netz der EU-Richtlinien für Elektrogeräte
Die GPSR ist kein Ersatz für bestehende Produktrichtlinien. Sie ist eine Auffangverordnung: Laut Art. 2 Abs. 4 GPSR gilt sie subsidiär, also immer dann, wenn spezifische EU-Harmonisierungsrechtsvorschriften keine gleichwertigen Anforderungen an die Sicherheit von Produkten oder bestimmte Risiken enthalten. Für Elektrogeräte bedeutet das in der Praxis: Du musst mehrere Rechtsakte parallel im Blick behalten.
Die folgende Grafik zeigt, wie GPSR, LVD, EMV, RoHS, RE-Richtlinie und WEEE als paralleles Regelwerk ineinandergreifen.

Niederspannungsrichtlinie (LVD) 2014/35/EU
Die Niederspannungsrichtlinie gilt für Elektrogeräte, die bei einer Nennspannung von 50 bis 1.000 Volt Wechselstrom oder 75 bis 1.500 Volt Gleichstrom betrieben werden. Sie adressiert elektrische, mechanische und thermische Risiken: Schutz vor Stromschlag, Überhitzung, Kurzschluss und mechanischen Gefahren durch bewegliche Teile. Wer einen Wasserkocher, ein Netzteil oder eine Stehlampe verkauft, muss die LVD-Anforderungen erfüllen. Die CE-Kennzeichnung für LVD-Produkte setzt eine technische Dokumentation und eine Konformitätserklärung voraus.
EMV-Richtlinie 2014/30/EU
Die Richtlinie zur elektromagnetischen Verträglichkeit stellt sicher, dass Elektrogeräte weder unzulässige elektromagnetische Störungen erzeugen noch durch solche Störungen in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Das betrifft nahezu alle elektronischen Produkte: Von LED-Netzteilen bis zu Bluetooth-Lautsprechern. EMV-Prüfungen werden von akkreditierten Laboren durchgeführt und sind Teil der CE-Konformität. Ohne gültigen EMV-Nachweis darf ein Produkt nicht in der EU in Verkehr gebracht werden.
RoHS-Richtlinie 2011/65/EU (geändert durch 2015/863/EU)
RoHS (Restriction of Hazardous Substances) beschränkt die Verwendung gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten. Die aktuell beschränkten Stoffe umfassen: Blei, Quecksilber, Cadmium, sechswertiges Chrom, polybromierte Biphenyle (PBB) und polybromierte Diphenylether (PBDE) sowie seit der Erweiterung durch 2015/863 vier Phthalate: DEHP, BBP, DBP und DIBP. Händler müssen von ihren Lieferanten RoHS-Konformitätserklärungen einholen und prüfen, ob die Grenzwerte eingehalten sind. RoHS-Verstöße können zu Verkaufsverboten und Bußgeldern führen.
WEEE und ElektroG
WEEE (Waste Electrical and Electronic Equipment Directive, 2012/19/EU) und das deutsche ElektroG regeln die Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten. Jeder, der solche Geräte in Deutschland erstmals in Verkehr bringt, muss sich registrieren und Rücknahme sowie Entsorgung finanzieren. Details dazu findest du weiter unten im Abschnitt zum ear-Register.
Die wichtigste Erkenntnis: GPSR, LVD, EMV, RoHS und WEEE ergänzen sich gegenseitig. Keine Verordnung ersetzt eine andere. Als Shopify-Händler musst du alle anwendbaren Regelwerke gleichzeitig einhalten.
Wer ist verantwortlich? Wirtschaftsakteure bei Elektrogeräten
Die GPSR unterscheidet klar zwischen verschiedenen Wirtschaftsakteuren und weist ihnen jeweils spezifische Pflichten zu. Je nach deiner Rolle in der Lieferkette bist du Hersteller, Importeur oder Händler.
Die folgende Übersicht zeigt, welche Rolle welche Pflichten trägt und wie hoch der jeweilige Haftungsgrad ist.

Hersteller
Der Hersteller ist derjenige, der ein Produkt herstellt oder entwickeln lässt und es unter seinem eigenen Namen oder seiner eigenen Marke in Verkehr bringt. Nach Art. 9 GPSR muss der Hersteller sicherstellen, dass das Produkt die Sicherheitsanforderungen erfüllt, eine technische Dokumentation erstellen, eine EU-Konformitätserklärung ausstellen, das Produkt mit CE-Kennzeichen und seinen Kontaktdaten versehen und ein System zur Marktüberwachung unterhalten. Bei Produkten aus China ist der chinesische Hersteller formal für diese Pflichten zuständig. In der Praxis kannst du als Händler aber nicht darauf vertrauen, dass diese Pflichten zuverlässig erfüllt werden.
Importeur
Als Importeur gilt, wer ein Produkt aus einem Drittland (also z.B. aus China) erstmals im EU-Markt in Verkehr bringt. Das trifft auf viele Shopify-Händler zu, die direkt von chinesischen Lieferanten oder über Großhändler einkaufen. Deine Pflichten als Importeur nach Art. 13 GPSR sind umfangreich: Du musst vor dem Inverkehrbringen prüfen, ob das Produkt die geltenden Anforderungen erfüllt, ob die CE-Kennzeichnung vorhanden ist und ob die technische Dokumentation existiert. Du musst Dokumentation für mindestens 10 Jahre aufbewahren und bei gefährlichen Produkten unverzüglich Meldung erstatten.
Mehr zu deinen spezifischen Pflichten als Importeur erfährst du unter GPSR Importeur: Deine Pflichten.
EU-Bevollmächtigter (EU-AR)
Der EU-Bevollmächtigte (auch: EU Authorized Representative, EU-AR) ist eine natürliche oder juristische Person mit Sitz in der EU, die vom Hersteller schriftlich beauftragt wird, in seinem Namen zu handeln. Nach Art. 16 GPSR ist ein EU-Bevollmächtigter Pflicht, wenn der Hersteller keinen Sitz in der EU hat. Das ist bei chinesischen Produkten die Regel.
Der EU-AR hält die Konformitätserklärung und die technische Dokumentation bereit, ist Ansprechpartner für EU-Marktüberwachungsbehörden und muss bei gefährlichen Produkten Meldungen einreichen. Die Kosten für einen EU-AR liegen je nach Anbieter bei etwa 50 bis 200 Euro pro Produkt und Jahr. Seriöse Dienstleister findest du über Wirtschaftsverbände oder spezialisierte Compliance-Unternehmen.
Alles Wichtige zum EU-Bevollmächtigten findest du in unserem Artikel EU-Bevollmächtigter nach GPSR.
Händler
Als Händler (Art. 14 GPSR) bist du in der Lieferkette weiter hinten. Du musst prüfen, ob das Produkt die CE-Kennzeichnung trägt und ob die erforderlichen Begleitdokumente vorhanden sind. Du musst ein Beschwerderegister führen, in dem du Kundenbeschwerden zu Sicherheitsproblemen dokumentierst. Bei gefährlichen Produkten bist du meldepflichtig gegenüber den Marktüberwachungsbehörden. Wichtig: Die Pflichten des Händlers sind geringer als die des Importeurs, aber sie existieren.
Fulfillment-Dienstleister
Ein Fulfillment-Dienstleister, der nur Lagerung und Versand übernimmt, gilt grundsätzlich nicht als Importeur oder Händler im Sinne der GPSR. Wenn er jedoch eigene Entscheidungen über die Vermarktung trifft, das Produkt unter eigenem Namen anbietet oder die Verpackung ändert, kann er zum Importeur oder Händler werden und entsprechende Pflichten übernehmen.
CE-Kennzeichen für Elektrogeräte: Was steckt dahinter?
Das CE-Kennzeichen ist kein Prüfzeichen eines unabhängigen Instituts wie TÜV oder GS-Zeichen. Es ist eine Selbsterklärung des Herstellers, dass das Produkt alle anwendbaren EU-Richtlinien und Verordnungen erfüllt. Für Elektrogeräte müssen je nach Produkttyp eine oder mehrere Richtlinien abgedeckt sein: LVD, EMV, RE-Richtlinie (für Funkgeräte), RoHS und weitere.
Fast alle Elektrogeräte, die unter die Niederspannungsrichtlinie oder die EMV-Richtlinie fallen, benötigen das CE-Kennzeichen. Ausnahmen sind eng definiert und betreffen z.B. Geräte, die ausschließlich für den professionellen Einsatz in industriellen Umgebungen bestimmt sind.
Mehr zur CE-Kennzeichnung und was sie wirklich bedeutet, erklärt unser Artikel CE-Kennzeichnung für Shopify-Händler.
Die Schritte zur CE-Konformität
Der Weg zur CE-Konformität folgt einem klaren Prozess, den die folgende Grafik zusammenfasst.

- Anwendbare Richtlinien ermitteln: Welche EU-Rechtsvorschriften gelten für dein spezifisches Produkt? Ein Ladegerät unterliegt LVD und EMV, ein WLAN-Router zusätzlich der RE-Richtlinie.
- Harmonisierte Normen identifizieren: Harmonisierte Normen, die im Amtsblatt der EU veröffentlicht sind, begründen eine Konformitätsvermutung. Für Haushaltsgeräte ist das die EN 60335-Reihe, für Audio-, Video- und IT-Geräte die EN 62368-1.
- Prüfung durch akkreditiertes Labor: Viele Richtlinien verlangen eine Drittprüfung durch ein notifiziertes oder akkreditiertes Labor. Das Labor stellt Prüfberichte aus, die Teil der technischen Dokumentation werden.
- Technische Dokumentation erstellen: Die Dokumentation umfasst Produktbeschreibungen, Konstruktionszeichnungen, Stücklisten, Risikobeurteilung, Prüfberichte und Nachweise über angewandte Normen.
- Konformitätserklärung unterzeichnen: Der Hersteller oder sein EU-Bevollmächtigter unterzeichnet die EU-Konformitätserklärung (DoC) formal und übernimmt damit die rechtliche Verantwortung.
- CE-Kennzeichen anbringen: Das CE-Kennzeichen wird auf dem Produkt, der Verpackung oder dem Begleitdokument angebracht. Mindestzeilenhöhe: 5 mm.
Wann CE nicht ausreicht
Ein CE-Kennzeichen auf dem Produkt allein ist kein Beleg für echte Konformität. Gefälschte CE-Kennzeichen sind auf chinesischen Importprodukten weit verbreitet, manchmal sogar als “China Export”-Logo gestaltet, das dem echten CE-Zeichen täuschend ähnlich sieht. Ohne eine vollständige technische Akte und eine gültige Konformitätserklärung ist ein CE-Kennzeichen wertlos. Als Shopify-Händler solltest du dir die DoC immer schriftlich aushändigen lassen, die RAPEX-Datenbank auf bekannte Warnmeldungen zum Produkt prüfen und bei Zweifel ein akkreditiertes Labor mit einer Stichprobenprüfung beauftragen.
Dokumentationspflichten für Händler von Elektrogeräten
Dokumentation ist das Herzstück der GPSR-Compliance. Ohne lückenlose Unterlagen kannst du im Kontrollfall keine Konformität nachweisen, auch wenn dein Produkt tatsächlich sicher ist.
Welche Dokumente musst du haben?
1. EU-Konformitätserklärung (DoC)
Die Konformitätserklärung ist das zentrale Dokument. Sie muss nach Anhang VI GPSR (EU) 2023/988 mindestens enthalten: Name und Anschrift des Herstellers oder EU-AR, eine Beschreibung des Produkts (Modell, Artikelnummer), eine Auflistung aller anwendbaren Richtlinien und Verordnungen, Angaben zu angewandten harmonisierten Normen und Datum sowie Unterschrift. Die DoC muss in der Landessprache des Ziellandes verfügbar sein. Für Deutschland also auf Deutsch.
Einen tiefen Einblick in die Anforderungen an die Konformitätserklärung bietet unser Artikel EU-Konformitätserklärung erstellen.
2. Technische Dokumentation
Die technische Dokumentation oder Konstruktionsakte ist in erster Linie Pflicht des Herstellers. Als Importeur musst du sie jedoch anfordern und aufbewahren können. Sie enthält: allgemeine Produktbeschreibung, Konstruktionszeichnungen und -pläne, Stücklisten, Risikobeurteilung, Nachweise zur Normenerfüllung (harmonisierte Normen oder andere technische Spezifikationen) sowie die Prüfberichte des akkreditierten Labors.
3. Prüfberichte
Für LVD-Produkte sind Prüfberichte nach relevanten harmonisierten Normen wie EN 60335 (Haushaltsgeräte) oder EN 62368-1 (Audio/Video/IT) erforderlich. Für EMV-Prüfungen gilt EN 55032 (Emissionen) und EN 55035 (Störfestigkeit). Diese Berichte werden von akkreditierten Laboratorien ausgestellt.
4. Produktbeschreibungen und Benutzerdokumentation
Für den deutschen Markt ist eine deutsche Bedienungsanleitung gesetzliche Pflicht. Fehlende oder nur englische Anleitungen sind einer der häufigsten Abmahngründe im Elektrobereich.
5. Risikobeurteilung
Die Risikobeurteilung dokumentiert systematisch alle potenziellen Gefahren, die mit dem Produkt verbunden sind, und die Maßnahmen, die zur Risikominderung ergriffen wurden. Sie ist primär Herstellerpflicht, muss aber als Teil der technischen Dokumentation vorliegen.
Aufbewahrungsfrist
Nach Art. 9 Abs. 10 GPSR muss die technische Dokumentation für 10 Jahre nach dem letzten Inverkehrbringen des Produkts aufbewahrt werden. Das gilt für Hersteller, aber auch für Importeure, die eigene Exemplare der Unterlagen halten müssen.
So forderst du Dokumentation von deinem Lieferanten an
Viele Händler haben Schwierigkeiten, von chinesischen Lieferanten vollständige Dokumentation zu erhalten. Eine klare, schriftliche Anfrage in der Kommunikation hilft. Hier ein Beispieltext:
“Bitte stellen Sie uns für das Produkt [Modellnummer] die vollständige EU-Konformitätserklärung (DoC) in deutscher Sprache, alle zugehörigen Prüfberichte eines akkreditierten Labors sowie die RoHS-Konformitätserklärung zur Verfügung. Wir benötigen diese Unterlagen spätestens vor der ersten Lieferung und behalten uns vor, das Produkt erst nach Eingang der Dokumentation zu listen.”
Digitale Produktpässe
Ab 2027 werden für viele Produktkategorien, darunter Elektronikartikel, digitale Produktpässe (DPP) verpflichtend. Der DPP enthält maschinenlesbare Informationen zur Zusammensetzung, Reparierbarkeit, Entsorgung und Konformität des Produkts. Für Shopify-Händler bedeutet das: Die Infrastruktur für die Dokumentation sollte von Beginn an digital aufgebaut werden.
Sicherheitsanforderungen und Risikobeurteilung
Was bedeutet es konkret, dass ein Elektrogerät “sicher” sein muss? Die GPSR und die begleitenden Richtlinien definieren “sicher” über vier Hauptdimensionen: kein Brandrisiko unter normalen und vorhersehbaren Nutzungsbedingungen, kein Stromschlag bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, keine unzulässigen elektromagnetischen Störungen für andere Geräte oder Funkdienste sowie keine gefährlichen Stoffe in Konzentrationen oberhalb der RoHS-Grenzwerte.
Wer erstellt die Risikobeurteilung?
Primär ist die Risikobeurteilung Pflicht des Herstellers. Sie muss alle plausiblen Risiken systematisch erfassen, bewerten und die getroffenen Schutzmaßnahmen dokumentieren. Wenn der Hersteller nicht erreichbar ist oder keine ausreichende Dokumentation vorliegt, kann die Pflicht auf den Importeur übergehen. Als Shopify-Händler, der direkt aus China importiert, solltest du davon ausgehen, dass du im Zweifel eine eigene Risikobeurteilung beauftragen musst.
Eine Risikobeurteilung für ein einfaches Elektrogerät enthält typischerweise: Produktidentifikation und Verwendungszweck, Identifikation aller relevanten Gefährdungen (elektrisch, thermisch, mechanisch, chemisch), Bewertung der Risiken nach Wahrscheinlichkeit und Schwere, Schutzmaßnahmen und Nachweis ihrer Wirksamkeit sowie eine abschließende Konformitätsbewertung.
Meldepflicht bei gefährlichen Produkten
Wenn du feststellst oder begründeten Anlass zu der Annahme hast, dass ein von dir verkauftes Elektrogerät eine Gefahr darstellt, bist du nach Art. 35 und 36 GPSR verpflichtet, die Marktüberwachungsbehörden unverzüglich zu informieren. Dafür steht das Safety Business Gateway (SBG) der EU zur Verfügung, ein Online-Portal für Unternehmensmeldungen.
Die Fristen sind eng: Sobald du Kenntnis von einem ernsthaften Risiko erhältst, musst du umgehend handeln. “Unverzüglich” bedeutet in der Praxis: innerhalb von zwei Werktagen bei ernsthaftem Risiko. Du musst zudem alle Maßnahmen treffen, die zur Gefahrenabwehr geeignet sind, also Verkauf stoppen, bestehende Lagerbestände sichern und bei ernsthaftem Risiko einen Rückruf einleiten.
Rückrufprozess
Ein Produktrückruf bei Elektrogeräten folgt einem klaren Prozess: Zunächst informierst du die zuständige Marktüberwachungsbehörde (auf Bundesebene z.B. die BAM oder BNetzA, je nach Produkttyp, auf Landesebene die jeweiligen Gewerbeaufsichtsämter). Dann informierst du alle identifizierbaren Kunden direkt, z.B. per E-Mail über die Shopify-Bestelldaten. Außerdem musst du die Plattformen einschalten, auf denen das Produkt verkauft wird: Amazon und Shopify haben eigene Rückrufprozesse. Eine öffentliche Rückrufbekanntmachung kann erforderlich sein. Die Kosten eines Rückrufs können erheblich sein, deshalb ist präventive Compliance günstiger.
WEEE und ElektroG: Entsorgungspflichten nicht vergessen
Wer Elektro- oder Elektronikgeräte in Deutschland verkauft, hat nicht nur Pflichten zur Produktsicherheit, sondern auch zur Entsorgung. Das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) setzt die europäische WEEE-Richtlinie (2012/19/EU) in deutsches Recht um. Es verpflichtet jeden, der Elektro- oder Elektronikgeräte erstmals in Deutschland in Verkehr bringt, zur Registrierung und Finanzierung der Rücknahme und Entsorgung.
Registrierungspflicht beim ear-Register
Die Stiftung EAR (Elektro-Altgeräte Register) betreibt das ear-System, das zentrale Register für Hersteller und Importeure von Elektro- und Elektronikgeräten in Deutschland. Die Registrierung ist unter registrierung.ear-system.de möglich.
Wer muss sich registrieren? Jeder, der Elektro- oder Elektronikgeräte in Deutschland erstmals in Verkehr bringt. Das schließt Shopify-Händler explizit ein, auch wenn sie nur kleine Mengen verkaufen. Es gibt keine Bagatellgrenze. Wer ohne gültige ear-Registrierung Elektrogeräte verkauft, begeht eine Ordnungswidrigkeit.
Registrierungsschritte in Kürze
Zunächst musst du die zutreffende WEEE-Kategorie für deine Produkte bestimmen. Das ElektroG kennt sechs Kategorien (z.B. Kategorie 2: kleine Haushaltsgeräte, Kategorie 4: Unterhaltungselektronik und Photovoltaikmodule, Kategorie 6: IT- und Telekommunikationsgeräte). Dann nimmst du eine LUCID-Registrierung beim Verpackungsregister vor (falls du verpackte Produkte verkaufst, was bei Elektronik fast immer der Fall ist). Schließlich registrierst du dich beim ear-Register: Angabe von Unternehmensdaten, Produktkategorien, voraussichtlichen Mengen. Nach erfolgreicher Registrierung erhältst du eine ear-Registrierungsnummer.
Rücknahmepflichten
Händler mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche oder dem Online-Äquivalent (Lagerfläche für Elektrogeräte von mehr als 400 Quadratmetern) müssen eine 1:1-Rücknahme anbieten: Beim Kauf eines neuen gleichartigen Geräts nehmen sie das alte kostenlos zurück. Außerdem gilt eine 0:1-Rücknahme für Kleingeräte (mit keiner Seite länger als 25 cm): Diese müssen ohne Neukauf kostenlos zurückgenommen werden.
Für die meisten Shopify-Händler bedeutet das: Entweder man richtet einen eigenen Rücknahmeweg ein oder man schließt sich einem kollektiven Rücknahmesystem an.
Anzeigepflicht auf der Website
Die ear-Registrierungsnummer muss auf deiner Website und in deinem Onlineshop sichtbar angegeben werden. Das ist eine gesetzliche Pflicht nach dem ElektroG. Ein einfacher Hinweis in der Händlerinfo oder im Impressum mit der Nummer (Format: DE[Ziffernfolge]) reicht aus. Fehlende ear-Nummern sind ein klassisches Abmahnziel für Wettbewerber und Verbände.
LUCID-Register und Verpackungsgesetz
Elektrogeräte kommen fast immer in Verpackungen. Damit unterliegen Shopify-Händler nicht nur der GPSR und dem ElektroG, sondern auch dem deutschen Verpackungsgesetz (VerpackG) und der damit verbundenen LUCID-Registrierungspflicht.
LUCID-Registrierung
Das LUCID-Register wird von der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) betrieben und ist unter lucid.verpackungsregister.org erreichbar. Jeder, der mit Ware befüllte Verpackungen erstmals in Deutschland in Verkehr bringt, muss sich dort registrieren. Das gilt für Händler, die Produkte in Kartons, Styropor oder Folie versenden.
Duales System-Beteiligung
Neben der LUCID-Registrierung musst du dich an einem dualen System (z.B. Der Grüne Punkt, Landbell, Reclay) beteiligen und eine Lizenzgebühr entrichten, die sich nach Verpackungsart und -menge richtet. Diese Beteiligung finanziert das Gelbe-Sack-System und andere Sammel- und Verwertungssysteme.
Doppelte Registrierungspflicht
Für Elektronik-Händler gilt eine doppelte Registrierungspflicht: LUCID für Verpackungen und ear für das Elektroprodukt selbst. Beide Registrierungen sind separat vorzunehmen, beide sind kostenpflichtig (Grundgebühren je nach System). Wer beide Pflichten ignoriert, riskiert doppelte Bußgelder und Abmahnungen.
Marktüberwachung und Konsequenzen bei Verstößen
Die GPSR hat die Marktüberwachung in der EU deutlich verschärft. Behörden können nun schneller eingreifen, höhere Bußgelder verhängen und Produkte schneller vom Markt nehmen. Für Elektrogeräte sind mehrere Behörden zuständig.
Zuständige Behörden
Die Bundesnetzagentur (BNetzA) ist für EMV und Funkanlagen (RE-Richtlinie) zuständig. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) befasst sich mit bestimmten Gerätekategorien. Die Landesbehörden (Gewerbeaufsichtsämter, Marktüberwachungsbehörden der Bundesländer) sind für allgemeine Produktsicherheit zuständig. Der Zoll überwacht Importe an den Grenzen und kann nicht-konforme Produkte zurückhalten oder vernichten.
Typische Verstöße bei Elektrogeräten
Im Bereich Elektrogeräte sind folgende Verstöße besonders häufig: Fehlende oder gefälschte CE-Kennzeichnung, kein EU-Verantwortlicher auf der Produktseite und im Impressum (Pflicht ab GPSR), fehlende Konformitätserklärung oder Konformitätserklärung nicht in deutscher Sprache verfügbar, keine deutsche Bedienungsanleitung und fehlende ear-Nummer im Onlineshop. Diese Verstöße werden sowohl von Behörden als auch von Wettbewerbern und Abmahnvereinen verfolgt.
Bußgelder nach GPSR
Die GPSR sieht erheblich höhere Sanktionen vor als die bisherige Produktsicherheitsrichtlinie. Bei schweren Verstößen können Bußgelder bis zu 100.000 Euro verhängt werden. In besonders schweren Fällen sind Bußgelder von bis zu 4 Prozent des Jahresumsatzes des betreffenden Unternehmens möglich. Detaillierte Informationen zu den Bußgeldrahmen findest du in unserem Artikel GPSR Bußgelder: Was droht bei Verstößen.
Amazon-Konsequenzen
Amazon setzt die GPSR sehr aktiv durch. Häufige Konsequenzen sind: ASIN-Sperrung bei fehlenden Konformitätsdokumenten, Kontosperrung bei wiederholten Verstößen und Einbehalt von Auszahlungen bis zur Vorlage der Dokumentation. Amazon verlangt zunehmend proaktiv DoC, Prüfberichte und Angaben zum EU-AR direkt über Seller Central.
Shopify-Konsequenzen
Shopify kann bei Verstößen gegen Plattform-Policies, die auf EU-Compliance-Anforderungen Bezug nehmen, Shops sperren. Außerdem können Marktüberwachungsbehörden direkt an Shopify herantreten und die Entfernung nicht-konformer Produkte verlangen.
Abmahnungen durch Wettbewerber
Drei konkrete Abmahnszenarien sind im Elektrobereich besonders häufig:
Erstens wird die fehlende ear-Nummer im Onlineshop abgemahnt. Der Abmahnende behauptet, der Händler begehe eine unlautere Wettbewerbshandlung, weil er sich seiner Entsorgungspflichten entzieht. Zweitens wird das Fehlen des EU-Verantwortlichen auf der Produktdetailseite abgemahnt, was seit der GPSR ausdrücklich Pflichtangabe ist. Drittens sind fehlende oder unvollständige Sicherheitsinformationen in der Produktbeschreibung ein häufiger Abmahngrund, insbesondere bei Lithium-Akkus und Ladegeräten.
Praktische Checkliste: GPSR-Compliance für Elektrogeräte-Händler
Eine vollständige Übersicht aller Pflichten für Händler von Elektrogeräten findest du auch in unserer GPSR-Compliance-Checkliste. Die wichtigsten 12 Punkte im Überblick:
- Wirtschaftsakteursrolle bestimmen: Kläre für jedes Produkt, ob du als Hersteller, Importeur oder Händler auftrittst. Direktimport aus China macht dich fast immer zum Importeur.
- Anwendbare Richtlinien identifizieren: Prüfe für jedes Produkt, welche Richtlinien gelten (LVD, EMV, RE-Richtlinie, RoHS, ggf. Ökodesign). Erstelle eine Produkt-Richtlinien-Matrix.
- EU-Konformitätserklärung (DoC) anfordern: Fordere die DoC in deutscher Sprache von jedem Lieferanten an. Ohne DoC darf das Produkt nicht in Verkehr gebracht werden.
- Prüfberichte einholen: Verlange Prüfberichte von einem akkreditierten Labor (EN 60335, EN 62368-1, EN 55032 etc.) für jedes relevante Produkt.
- CE-Kennzeichnung prüfen: Kontrolliere, ob das CE-Kennzeichen korrekt angebracht ist und der Dokumentation entspricht. Prüfe das Produkt in der RAPEX-Datenbank.
- EU-Bevollmächtigter benennen: Stelle sicher, dass für jedes Produkt aus einem Nicht-EU-Land ein EU-AR benannt ist und seine Kontaktdaten auf Produktseite und Verpackung angegeben sind.
- Dokumentation 10 Jahre aufbewahren: Richte ein digitales Archiv ein, in dem DoC, Prüfberichte und technische Unterlagen für mindestens 10 Jahre nach letztem Inverkehrbringen gespeichert werden.
- Deutsche Bedienungsanleitung sicherstellen: Jedes Elektrogerät muss eine vollständige Bedienungsanleitung in deutscher Sprache enthalten.
- Beim ear-Register registrieren: Registriere dein Unternehmen unter registrierung.ear-system.de und zeige deine ear-Registrierungsnummer im Impressum/Shop an.
- LUCID-Registrierung vornehmen: Registriere dich beim Verpackungsregister und beteilige dich an einem dualen System, wenn du verpackte Produkte versendest.
- Beschwerderegister einrichten: Führe ein internes Register aller Kundenbeschwerden zu Sicherheitsproblemen. Dokumentiere Maßnahmen, die du daraufhin getroffen hast.
- Meldeprozess festlegen: Lege intern fest, wer bei Sicherheitsvorfällen das Safety Business Gateway befüllt und die Marktüberwachungsbehörde informiert. Übe den Prozess einmal durch.
FAQ
Brauche ich für jedes Elektrogerät eine CE-Kennzeichnung?
Fast alle Elektrogeräte, die in der EU verkauft werden, benötigen das CE-Kennzeichen. Ausnahmen gibt es für bestimmte Produkte, die ausschließlich im industriellen Bereich eingesetzt werden oder speziellen sektoralen Regelwerken unterliegen, die keine CE-Pflicht vorsehen. Für den typischen Shopify-Handel mit Verbraucherelektronik, Ladegeräten, Smart-Home-Produkten oder Haushaltsgeräten gilt: CE ist Pflicht. Ohne CE-Kennzeichen ist das Inverkehrbringen in der EU illegal.
Was passiert, wenn mein chinesischer Lieferant keine CE-Dokumentation hat?
Wenn dein Lieferant keine CE-Dokumentation vorlegen kann, darfst du das Produkt nicht in der EU verkaufen. Du hast drei Optionen: Du wechselst zu einem Lieferanten, der vollständige Unterlagen hat. Oder du beauftragst auf eigene Kosten ein akkreditiertes Labor mit der Prüfung und erstellst die Dokumentation selbst, was bei einfachen Produkten einige Hundert bis wenige Tausend Euro kostet. Oder du verkaufst das Produkt nicht. Das klingt hart, schützt dich aber vor erheblich höheren Kosten durch Bußgelder, Rückrufe und Abmahnungen.
Kann ich als Händler für fehlerhafte CE-Kennzeichnung haftbar gemacht werden?
Ja. Als Händler musst du nach Art. 14 GPSR sicherstellen, dass das Produkt, das du verkaufst, die erforderliche CE-Kennzeichnung trägt und die Dokumentation vorhanden ist. Wenn du ein Produkt mit falscher oder fehlender CE-Kennzeichnung verkaufst und davon wusstest oder hättest wissen müssen, kannst du für Verstöße haftbar gemacht werden. Als Importeur ist deine Haftung noch umfangreicher: Du bist primär verantwortlich für die Konformität des Produkts, das du in den EU-Markt einführst.
Muss ich mich als EU-Verantwortlicher registrieren?
Nicht du als Händler, sondern der Hersteller des Produkts muss einen EU-Bevollmächtigten benennen, wenn er keinen Sitz in der EU hat. Du musst als Händler sicherstellen, dass ein solcher EU-AR für jedes Produkt existiert und seine Kontaktdaten auf dem Produkt, der Verpackung oder in Begleitdokumenten angegeben sind. Wenn du Eigenmarkenprodukte aus China einführst und unter deinem Markennamen verkaufst, wirst du selbst zum Hersteller und musst die Rolle des EU-AR entweder selbst übernehmen (wenn du EU-Sitz hast) oder einen externen Dienstleister damit beauftragen.
Was ist der Unterschied zwischen GPSR und der Niederspannungsrichtlinie?
Die GPSR ist eine horizontale Verordnung, die für alle Verbraucherprodukte gilt, für die keine sektorspezifische Regelung besteht oder die sektorspezifische Regelung keine gleichwertigen Sicherheitsanforderungen enthält. Die Niederspannungsrichtlinie (LVD) ist eine sektorspezifische Richtlinie, die ausschließlich für Elektrogeräte in einem bestimmten Spannungsbereich gilt und konkrete elektrische Sicherheitsanforderungen definiert. Für ein Produkt, das unter die LVD fällt, gilt die LVD für die elektrischen Sicherheitsaspekte, die GPSR gilt ergänzend für andere Risiken, die die LVD nicht abdeckt. Beide Regelwerke ergänzen sich und müssen parallel eingehalten werden.
Wie registriere ich mich beim ear-Register?
Die Registrierung erfolgt online unter registrierung.ear-system.de. Du benötigst deine Unternehmensdaten (Name, Adresse, Handelsregisternummer), eine Angabe der WEEE-Kategorien deiner Produkte und eine Schätzung der jährlich in Verkehr gebrachten Mengen. Nach der Registrierung wird dein Antrag geprüft und du erhältst eine ear-Registrierungsnummer, die du im Shop anzeigen musst. Die Registrierung selbst ist bei der Stiftung EAR kostenfrei, allerdings fallen Systemgebühren und Entsorgungskosten je nach Vermarktungsmenge an. Wenn du dir unsicher bist, welche Kategorie für deine Produkte gilt, hilft ein Blick in die Kategorientabelle auf der EAR-Website oder eine kurze Anfrage beim EAR-Helpdesk.